Backlinks galten jahrelang als die härteste Währung im SEO. Ein Link von einer starken Domain zählte mehr als hundert Erwähnungen ohne Verlinkung. Diese Logik stimmt für klassische Suchmaschinen noch immer weitgehend, aber die Spielregeln verschieben sich. Wer beobachtet, wie KI-Systeme wie ChatGPT, Perplexity oder Googles AI Overviews Marken und Anbieter empfehlen, stellt fest: Der Link ist dort oft gar nicht vorhanden. Was zählt, ist das Muster der Erwähnung.
Was eine Markennennung ohne Link eigentlich ist
Eine unverlinkte Markennennung, im englischen Sprachraum als „unlinked brand mention“ bezeichnet, entsteht immer dann, wenn ein Markenname, ein Produktname oder der Name eines Unternehmens in einem Text auftaucht, ohne dass dabei ein anklickbarer Hyperlink gesetzt wird. Das passiert ständig: in Forenbeiträgen, Nachrichtenartikeln, Reddit-Threads, YouTube-Kommentaren, Newslettern oder Bewertungsportalen.
Google hat schon 2017 in einem Patent beschrieben, dass sogenannte „implied links“ für die Bewertung von Entitäten genutzt werden können. Eine Erwähnung ohne Link kann demnach als implizite Referenz behandelt werden. Für klassisches Ranking hat das bislang eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Für KI-Systeme, die auf Sprachmodellen basieren, ist die Logik eine andere.
Wie KI-Systeme Marken wahrnehmen
Sprachmodelle lernen aus Textmengen, nicht aus Linkgraphen. Wenn ein Modell während des Trainings hundertfach liest, dass Anbieter X für Thema Y empfohlen wird, baut es eine statistische Assoziation auf. Ob dabei ein Link vorhanden war oder nicht, spielt keine Rolle. Das Modell erkennt: Dieser Name taucht in diesem Kontext wiederholt auf, meistens positiv, meistens von Menschen, die das Thema kennen.
Perplexity etwa zieht bei der Antwortgenerierung aktuelle Webquellen heran und zitiert diese. Aber selbst dort fließt ein Teil der Grundannahmen aus dem Trainingskorpus ein. Je öfter eine Marke in glaubwürdigen Kontexten auftaucht, desto wahrscheinlicher landet sie in einer KI-generierten Empfehlung. Diese Mechanik ist nicht transparent dokumentiert, aber aus dem Verhalten der Systeme gut beobachtbar.
Warum das für Webdesigner und Agenturen konkret relevant ist
Wer eine Webagentur betreibt oder Freelancer im Webdesign-Bereich ist, sollte sich fragen: Werde ich in einschlägigen Fachforen, Blogs und Communities erwähnt, ohne dass dabei ein Link gesetzt wird? Eine Agentur, die in zehn verschiedenen Designer-Communities als Beispiel für gutes Responsive Design genannt wird, baut eine Entitätspräsenz auf, die KI-Systeme registrieren. Eine Agentur, die nur auf der eigenen Website über sich spricht, existiert im KI-Ökosystem kaum.
Konkret: Wenn jemand ChatGPT fragt „Welche deutschen Agenturen sind bekannt für barrierefreies Webdesign?“, dann liefert das Modell Namen, die in seinem Trainingskorpus in genau diesem Kontext auffällig oft vorgekommen sind. Ein Backlink auf der Unternehmenswebsite hilft dabei wenig. Nennungen in Fachartikeln, Podcasts, Fallstudien oder Diskussionen auf Plattformen wie LinkedIn oder in Newslettern helfen sehr viel mehr.
Strategien, um gezielt Erwähnungen aufzubauen
Markennennungen lassen sich nicht kaufen wie Anzeigenplätze, aber sie lassen sich systematisch erarbeiten. Eine gute Grundlage dafür liefert die Auseinandersetzung mit dem Thema Brand Mentions als eigenem SEO-Signal: Answer the Web erklärt, wie unverlinkte Erwähnungen bewertet werden und warum sie sowohl für klassisches SEO als auch für KI-Sichtbarkeit zunehmend an Gewicht gewinnen.
Praktisch sieht eine Strategie zum Aufbau von Markennennungen so aus:
- Gastbeiträge in Fachmedien: Artikel in relevanten Publikationen, in denen der Markenname natürlich auftaucht, auch wenn kein Link gesetzt wird.
- Erwähnungen in Podcasts: Wer als Gast in Branchenpodcasts auftritt, erzeugt Transkripte und Shownotes, die indexiert werden.
- Präsenz in Community-Plattformen: Hilfreiche Antworten auf Reddit, in Slack-Communitys oder auf Discord hinterlassen Spuren im Trainingskorpus künftiger Modelle.
- Case Studies bei Kooperationspartnern: Wenn ein Kunde auf seiner eigenen Website über das gemeinsame Projekt schreibt und dabei den Agenturname nennt, zählt das auch ohne Link.
- Pressemitteilungen und PR: Klassische PR erzeugt Erwähnungen in Nachrichtenportalen, die zu den besseren Quellen im Trainingskorpus gehören.
Messung und Monitoring: Was funktioniert
Wer wissen will, wie oft die eigene Marke ohne Link erwähnt wird, hat mehrere Optionen. Google Alerts ist kostenlos und deckt indexierte Webseiten ab. Tools wie Mention, Brand24 oder Ahrefs bieten umfangreichere Trackingmöglichkeiten inklusive Social Media. Der Wert liegt nicht nur in der Zahl der Erwähnungen, sondern im Kontext: Wird die Marke im Zusammenhang mit den richtigen Themen genannt?
Ein Webdesign-Studio, das immer wieder im Kontext „nachhaltige Websites“ oder „Core Web Vitals Optimierung“ auftaucht, baut eine thematische Assoziation auf. Wenn das konsistent über viele verschiedene Quellen geschieht, wird diese Assoziation robust genug, um in KI-Trainingsdaten und aktuellen Crawl-Daten sichtbar zu werden.
Die Qualität der Quelle zählt mehr als die Menge
Fünf Nennungen in seriösen Fachpublikationen wiegen mehr als fünfzig Nennungen in generischen Artikelverzeichnissen. KI-Systeme, die auf kuratierten Trainingsdaten basieren, filtern Qualitätsquellen bevorzugt. Das bedeutet: Wer in t3n, Smashing Magazine, A List Apart oder vergleichbaren Quellen erwähnt wird, hat einen anderen Effekt als Massenerwähnungen in SEO-Linkfarmen.
Der Perspektivwechsel, den SEO gerade durchmacht
Die klassische Frage „Wie bekomme ich einen Backlink von dieser Domain?“ verschiebt sich zu „Wie werde ich in diesem Kontext glaubwürdig erwähnt?“ Das ist keine Revolution, aber eine echte Verschiebung der Prioritäten. Linkbuilding bleibt wichtig. Aber wer sich ausschließlich auf Links konzentriert und die Breite seiner Erwähnungen vernachlässigt, wird in KI-generierten Suchantworten unsichtbar bleiben.
Für Webdesigner, Entwickler und Agenturen bedeutet das: Sichtbarkeit entsteht nicht mehr nur durch technische Optimierung der eigenen Website. Sie entsteht durch das, was andere über einen schreiben, sagen und empfehlen, mit Link oder ohne.
